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Sonntag, 4. November 2018

Revolution des Trinkens

"Revolution des Trinkens" war der Titel der heutigen Führung, zu der das Bayerische Nationalmuseum in das Schloß Lustheim eingeladen hat.
Also wieder einmal eine Führung zum Thema "Luxus", denn nichts anderes waren die seit dem 17. Jh über weite Strecken aus Ostasien, dem Orient und Südamerika importierten Heißgetränke Tee, Kaffee und Schokolade und vor allem die dazu gehörigen Porzellangeschirre.
Zunächst noch als "Medizin" u.a. wegen ihrer stimulierenden Wirkung getrunken, stieg ihre Beliebtheit rasch und wurde zu Mode und kostspieligem Vergnügen, welches dem Adel und dem gehobenen Bürgertum vorbehalten blieb.
Dies galt ebenso für die teuren Porzellangeschirre, die eine wahre Sammelwut auslösten (was ich durchaus nachvollziehen kann *hüstel).
Während man sich mit den bis dahin üblichen Metallgeschirren (Silber) an den heißen Genüssen schnell die Lippen oder Finger verbrannte, leitete Porzellan die Wärme wesentlich schlechter und war neben der Geschmacksneutralität fast ein unabdingbares Accessoire zum gemeinsamen "Tee-a-Tête".
So etablierten sich mit den neuen Trinkgewohnheiten auch neue Gefäßformen, die bis heute aktuell sind.

Zunächst einmal war aber die Porzellanproduktion ein chinesisches Monopol. In Europa gänzlich unbekannt, mußte jedes Koppchen und jeder Teller den weiten Weg hinter sich bringen und löste eine Welle von Chinoiserie-Liebhaberei aus, die sich nicht nur auf die Tafel beschränkte, sondern auch Wandgestaltungen, Möbel uvm beeinflußte.

Da aber eigentlich niemand der Endverbraucher dieser Importe eine auf Realität beruhende Vorstellung der fernen Länder hatte, wurden diese schnell idealisiert und man empfand China als "Paradies auf Erden", in dem den ganzen Tag dekorativ in Teepavillions sitzend Tee getrunken wurde und man sich Luft zufächeln ließ - genau das zeigten ja die Malereien auf den Geschirren.
Wunderbar, nicht wahr?

Schokoladebecher mit Chinoiserie-Dekor (Detail), Bemalung wohl von Johann Gregorius Höroldt, Meißen, um 1725. Foto: © Bayerisches Nationalmuseum München


Auguste der Starke war es nun, dessen Liebe zu den feinen Scherben ihn handeln ließ. Er wollte die Porzellanproduktion zu sich holen und vorantreiben. Dem Alchemisten Böttger war es ja gelungen, quasi als Nebenprodukt seiner "Goldproduktion", die ja etwas weniger erfolgreich war, hinter das Geheimnis zu kommen. Die Zusammenarbeit mit dem Apotheker Tschirrenhaus brachte den Durchbruch und Meißen wurde das erste Zentrum der Porzellanherstellung in Europa.
Was da aus Feldspat, Quarz und Kaolin entstand, war noch ein roter Scherben. Fein in der Struktur, hochfest gebrannt, aber eben (noch) nicht weiß.

Böttgerporzellan,
frühe Geschirre aus Meißen um 1710


Allerdings konnte dieses weiß glasiert werden und entsprach so schon eher dem gewollten optischen Ergebnis.
Die Verzierungen wurden von Hand modelliert und weiß oder farbig glasiert aufgelegt und erneut gebrannt.
Noch verbanden sich die Farben mit dieser Methodik schlecht oder waren empfindlich und wenig haltbar und erbrachten nicht die brillianten Ergebnisse.
Meißen zwischen 1710 und 1720

Die Erfindung der Aufglasurfarben brachte bessere Ergebnisse, wirklich zufriedenstellend waren dann aber erst die Unterglasuren.
Auch war es nicht von Anfang an möglich, die gesamte Farbpalette zu produzieren. Vieles hing hier von der Brenntemperatur ab und musste in zahllosen Versuchen herausgefunden werden. Die erste Farbe war hierbei ein Eisenrot. Blau bspw war extrem schwierig.

Neue und vor allem finanziellen Erfolg versprechende Erfindungen sprechen sich schnell herum und finden schnell Nachahmer. Das war auch im 18. Jh nicht anders. Zwischenzeitlich gab es eine zweite Manufaktur in Wien. Dorthin floh der bis dahin in Meißen inhaftierte Böttger mit all seinem Knowhow.  Aber hier sollte er nicht bleiben ... kurz: er ging zurück nach Meißen und brachte seinen Wiener Kollegen Johann Gregorius Höroldt mit. Denn Wien hatte einen entscheidenden Schritt voraus gemacht: ihnen gelang es, haltbare Porzellanfarben für die Unterglasur zu fertigen (reines Glück übrigens... die Wiener hatten schlichtweg besseres Wasser dafür!)
Und auch Höroldt war ein Glücksgriff. Er fertigte nicht nur die beliebten ostasiatischen Motive an, sondern erweiterte den Kanon um europäische Motive. Typische Höroldt-Motive, wie sie auch in der Lustheimer Sammlung zu sehen sind, sind Allegorien der Liebe, kleine Frivolitäten und Alltagsszenen.
Anmerkung am Rande: auch das allseits bekannte Zwiebelmuster (typisch deutsch?? haha, von wegen) ist eigentlich keine Zwiebel, sondern ein asiatisches Motiv. Allerdings kannte man es nicht und interpretierte deshalb die Zwiebel hinein.



typisches Höroldt-Dekor um 1723

Zur Verbreitung der Dekore, sowohl europäische als auch abgezeichnete Originale aus Asien, wurden die Entwürfe in Musterbücher zusammengefasst.
Für Höroldt-Dekore ist dies bspw der Schulz-Codex.



Auch populäre Motive wie hier von Watteau fanden so Verbreitung auf Porzellan.

Dekore auf dem Geschirr wurden in den ersten Jahrzehnten des 18. Jhs bis 1750 etwa in Medaillons gemalt (siehe 2x oben und folgendes Bild); später dann aber auch wieder plastisch oder flächig gestaltet.





Zu einem Teegeschirr gehörten die Koppchen (kleine Schalen bzw Becher) mit Untertasse, die Teedose (beides Abb. oben), die Zuckerdose, die Kanne für Tee und/oder heißes Wasser und die Kumme zum reinigen der Teeschalen (eine Kumme ist auf der ersten Abbildung ganz oben zu sehen - die größere Schale auf dem Tisch).Während der Ausguß für die bauchigen Teekannen im unteren Bereich ansetzte (Tee und Kaffee wurden direkt in der Kanne zubereitet und die Teeblätter schwammen darin dann oben), setzte dieser bei Kaffee- oder Kannen für heißes Wasser weiter oben an (Kaffeegrund sinkt nach unten). Letztere lassen sich daher schwerer oder mitunter gar nicht voneinander unterscheiden.

An dieser Stelle (es gab noch einige Ausführungen zur heißen Schokolade, die mir aber jetzt hier den Rahmen sprengen würden) endete unser Rundgang durch die Lustheimer Sammlung. Leider nicht nach, wie ausgeschrieben, zwei Stunden  sondern bereits nach einer (also ich hätt schon gern noch mehr...).
Die mit über 2000 Exponaten umfangreichste Sammlung Meißner Porzellans fast ausschließlich aus dem 18. Jh  außerhalb Meißens übrigens.
Ich habe immer ein wenig den Eindruck, dass dieses überaus charmante kleine Jagdschloß am anderen Ende des Kanals vis a vis  zum Neuen Schloß Schleißheim ein wenig vergessen wird. Viele Spaziergänger drehen hier um und kehren dann zum großen Haus zurück, dabei ist das schade. Ein Besuch lohnt sich allemal und vor allem, wenn man so bekennend teegschirr-affin ist, wie ich es bin.

Kommentare:

  1. ich habe null Ahnung, warum mir blogger am Ende die Formatierung so zerhaut. Nachdem ich jetzt bestimmt eine halbe Stunde lang versucht habe, die Schriftgröße zu ändern, gebe ich temporär auf und versuche es morgen nochmal. Sorry, ich weiß, das winzige liest sich schlecht... aber ich hab´s wirklich zu ändern versucht. seufz.

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  2. zur Alternative bitte hier entlang:

    https://marenshus.wordpress.com/2018/11/04/revolution-des-trinkens/

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Dankeschön, daß du dir die Zeit nimmst und hier ein paar Worte hinterläßt...